Chronik

Nabokov Lolita

md6919636929Vladimir Nabokov "Lolita"
Cover der Erstausgabe von 1955

 

"Lolita" beginnt mit einem Vorwort des (fiktiven) Herausgebers John Ray jr., Ph. D. Er berichtet, dass es sich bei dem Buch um die Lebensbeichte eines Häftlings handelt, dem er aus Diskretionsgründen den fiktiven Namen Humbert Humbert gegeben habe. Dieser sei kurz vor seinem Gerichtsprozess verstorben, und er habe das Manuskript von einem Freund zugespielt bekommen.


Wegen des besonders für die prüden 50er Jahre heiklen Sujets fand Nabokov zunächst keinen amerikanischen Verleger für den Roman. Die erste Ausgabe von Lolita erschien 1955 deshalb bei dem englischsprachigen, in Paris angesiedelten Verlag Olympia Press, der sich auf erotische Literatur spezialisiert hatte. Eine sehr positive Besprechung des Romans durch Graham Greene führte dazu, dass 1958 auch eine amerikanische Ausgabe erschien. Das Buch wurde dann schnell zum Erfolg.

 

Vladimir Nabokov (1899-1977) stammte aus St. Petersburg und war 1937 vor den Nationalsozialisten aus Berlin nach Paris geflohen. Er lebte seit 1940 in den USA, dort fand er aber keinen Verlag, der sein Werk drucken wollte, und so soll er das Manuskript 1948 angeblich in den Kamin geworfen haben, aus dem seine Frau es wieder herausholte ... Es wurde zum Bestseller und machte Nabokov, der zuvor nur wenigen Insidern bekannt gewesen war, zu einem berühmten Autor.

 

Die erste deutsche Ausgabe von "Lolita" erschien 1959 bei Rowohlt, übersetzt von Helen Hessel unter Mitarbeit von Maria Carlsson, Gregor von Rezzori, Kurt Kusenberg und Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. 1989 brachte der Verlag eine von Dieter E. Zimmer revidierte Fassung heraus.

Das Manuskript geht auf die Novelle "Der Zauberer" zurück, die Vladimir Nabokov 1939 in russischer Sprache verfasst hatte, die jedoch erst 1986 postum veröffentlicht wurde. Zu "Der Zauberer" wiederum könnte Vladimir Nabokov durch eine Erzählung aus dem Band "Die verfluchte Gioconda" (1916) von Heinz von Lichberg inspiriert worden sein. Auch Curt Goetz könnte mit seiner Erzählung "Tatjana" Pate gestanden haben, worin der Protagonist die Idee entwickelt, die Mutter zu heiraten, um die Tochter zu bekommen -; zumal in Goetz' Schauspiel "Ingeborg" der Held, wie bei Nabokov, den gleichen Vor- und Zunamen trägt. 

Weil es sich bei "Lolita" angeblich um Pornografie bzw. um die Verharmlosung des Themas Kinderschändung handelt, löste der Roman einen Skandal aus. Dabei überschreitet Vladimir Nabokov in keiner Zeile die Grenzen des guten Geschmacks: "Lolita" ist weder pornografisch noch obszön, nicht effekthascherisch, sondern ironisch, tragikomisch und melancholisch. Es ist die differenzierte Geschichte einer verzweifelten, destruktiven Liebe. Auch Humbert Humberts Leben wird durch diese Obsession zerstört.

"Lolita" ist voller Parodien und Anspielungen auf die Weltliteratur, doch es ist nicht unbedingt erforderlich, dass man sie beim Lesen erkennt. Der Roman funktioniert auch so, nicht nur wegen der virtuos erzählten, erschütternden Geschichte, sondern vor allem auch durch die fantasievolle, witzige und geschliffene Sprache Nabokovs, der "Lolita" einmal als seine "Liebesaffäre mit der englischen Sprache" bezeichnet hat.